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Montag, 8. November 2010, 16:42 | Von Dr. Midi Gottet

Neulich mit Pino im Boxkeller
Aaaaaaadrien...!
 
Beim Stichwort Boxtrainer kommt mir als Erstes gleich Rockys zwergwüchsiger Schleifer mit tropfender Heinrich Gretler Nase in den Sinn. Mein Boxtrainer, Pino Coppola, ist von der Erscheinung her das pure Gegenteil von Mickey Goldmill. Schwarze halblange Haare, gepflegter Bart, grüner Parker mit Jeans und vorallem, er spudert nicht, wenn er spricht. Während Mickey Goldmill’s Box-Philosophie nicht über eine gewisse „Bumsen macht die Beine schwach“-Mentalität hinausgeht, spürt man beim diplomierten Homöopathen Pino in dieser Hinsicht einiges mehr Substanz. Während wir barfuss in seinem Boxkeller, der weniger bedrohlich wirkte, als von mir befürchtet, standen erklärte mir Pino, dass beim Boxen alles rund sein muss, die Bewegungen, die Schläge, dass sogar der imaginäre Raum um den Körper herum rund sei. Wow, so viel Tiefgang hätte ich in einem Boxkeller nicht erwartet.
 
Als Einwärmübung machten wir, wie könnte es anders sein, runde Bewegungen. Die Beine gegrätscht auf einem durchsichtigen Stuhl sitzend, liess ich meine Hände, mit den Daumen als Cockpit, durch die Gegend fliegen. Nach ein paar Wiederholungen klopfte bei mir schon Madame Milchsäure an: „Hallo, ich bin die Milchsäure. Dürft ich mal eben kurz ihre Muskeln verätzen.“ Die haben’s in sich, diese runden Sachen. Danach ging es auf den Boden. Beim „Spiderman“ ist man auf allen Vieren, darf aber den Boden nicht mit den Ellbogen oder Knien berühren. Der Oberkörper muss aber trotzdem so nah wie möglich beim Boden sein. Wie bei Spiderman halt, nur bin ich einfach eher Elastoman, dessen Bauchansatz (im Fachjargon „Hohles Kreuz“ genannt) bei dieser Übung etwas durchhing. Nach ein paar weiteren fiesen, antaramässigen Koordinationsübungen und etwas Schattenboxen zeigte mir Pino, wie eine saubere Grundstellung beim Boxen aussieht. Die Hände links und rechts vom Kopf, als wäre man mit zwei Handys gleichzeitig am Telefonieren, die Beine diagonal versetzt, Sprungbein vorne. Um diese Position zu festigen, klemmten wir uns mit den Unterarmen je einen Medizinball vor die Brust und machten einen Güggelikampf. Wie Autoscooter für Arme. Aber eine prima Übung um herauszufinden, wie man den Köper einsetzen muss, um den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen, was mir natürlich praktisch nie gelang. Nach diesem Spiel empfand ich Pino nicht mehr als gemeinen Boxtrainer, sondern als guten Kumpel auf dem Pausenplatz.
 
Er zeigte mir, wie man mittels Atemtechnik die Bauchmuskeln optimal anspannen kann. Mein Tessinerbrötli ist zwar etwas mit Käse überbacken, aber eine gewisse Festigkeit ist da schon noch vorhanden. Und die brauchte ich auch beim nächsten Task. Pino stellte sich breitbeinig vor mich hin und sagte: „Weißt du Midi, beim Boxen muss man ja auch was einstecken können.“ Und er sagte es in dieser gewissen Robert De Niro-Manier, so dass mir ehrlich gesagt etwas mulmig wurde. Ich meine, wir waren hier in einem gottverlassenen Keller. Wer würde meine Hilfeschrei schon hören, wenn Pino plötzlich ausrasten würde. Ich starrte ihn fragend an und sagte: „Haust du mir jetzt auf die Fresse oder was?“ Pino barst in lautes Gelächter aus. Meine Wahrnehmung war offensichtlich falsch, denn er wollte mir lediglich zeigen, wieviel man mit der richtigen Technik in der Magengegend einstecken kann. Erst durfte ich Pino ein paar unten reinhauen. Das fühlte sich irgendwie komisch an, denn ich schlug doch mit einer gewissen Wucht. Da war kein „Autsch“ oder „Hmpf“, nur dieser Typ, der mich anlächelte. Jetzt war ich dran mit hinhalten und siehe da, es tat gar nicht weh. Der zweite Schlag kam dann doch mit einer ziemlichen Schubkraft daher und zeigte mir wo der Hammer hängt. Hmpf!
 
So, und jetzt ging’s zum Sparring. Bandagiert und in Boxhandschuhe gepackt versuchte ich Pino’s Kopf zu treffen. Das stellte sich aber als ein Ding der Unmöglichkeit heraus, denn jedesmal wenn meine Faust, für Pino wohl in gefühlter Zeitlupe, dahergebraust kam, schlug er sie einfach aus der Bahn. Ich konnte ein paar Bauchtreffer landen, die wurden aber gleich mit einem Haken an meine Rübe retourniert. Und so ging das Runde für Runde, bis ich meine Arme nicht mehr oben lassen konnte. Als Schlussspurt wurde ich an den grossen Sandsack geschickt. Damit ich mir nicht gleich einen Handgelenkbruch holte, zeigte mir Pino die korrekte Technik. Danach rief er während zwei Minuten eine Zahl zwischen 1 und 5 und je nach Nummer musste ich eine dementsprechende Salve auf den Sack hämmern. Oh Mann, ich hatte noch nie Seitenstechen auf solch hohem Niveau. Jeden Schlag kriegte ich als fiesen Stich in die Seite zurück. Ich war fix und fertig. Pino mutierte zum Schluss also doch noch zu Mickey Goldmill, der aber hoffentlich immer ein paar Globuli gegen Extremmuskelkater dabei hat.

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